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Der Natur vertrauen Der Natur vertrauen
Der Natur vertrauen

Interview mit dem Ethnobotaniker Wolf-Dieter Storl | Text-Nr.: 900023

Sein Aussehen hat Wolf-Dieter Storl vielleicht noch bekannter gemacht, als sein breites Wissen über die Natur. Mit Dreadlocks und Rauschebart wirkt der gebürtige Sachse wie der Prototyp eines Hippies oder esoterischen Aussteigers. Wer sich aber mit ihm unterhält, kommt aus dem Staunen nicht heraus. Anschaulich und ohne Fachchinesisch breitet er sein Wissen aus, das von Kräuterkunde bis Schamanismus alle Facetten der Natur ausleuchtet. Als promovierter Kulturanthropologe und Ethnobotaniker hat er sich sein Wissen auf unzähligen Reisen angeeignet und dabei höchst unterschiedliche Erfahrungen gemacht. Er lehrte als Professor an verschiedenen Universitäten in den USA, Indien und Europa. Aber er lebte auch lange unter den Cheyenne-Indianern. Seit 1988 wohnt Wolf-Dieter Storl mit seiner Familie weit weg von jeglicher Zivilisation auf einem Berghof hoch oben im Allgäu. FrohMUT durfte Ende Oktober 2009 ein längeres Interview mit ihm führen, das wir im Folgenden als leicht gekürztes Transkript einer Tonaufzeichnung wiedergeben.

FrohMUT: Sie haben sich in ihrem privaten Leben in die Natur zurückgezogen. Was war der Grund dafür?

Storl: Ich habe immer ein gutes Verhältnis zur Natur gehabt, aber es war so: Wir haben in Indien gelebt und ich bin dort fast gestorben. Ich habe dann entschieden, mich von den geistigen Mächten führen zu lassen. Es war mir völlig egal, wo ich hingehe. Und da kam dann die Stimme, die mir sagte: Gehe zurück nach Europa. Durch einen Zufall habe ich dann kurz darauf ein neues Zuhause gefunden. Da saß mir jemand gegenüber und sagte unvermittelt: Ich weiß, wo du leben sollst. Ich merkte, das kam ihm wie eine Inspiration. Seine Augen gingen nach oben, dann schaute er mich an, deutete mit dem Finger auf mich und sagte, ich weiß, wo du leben sollst. Da wusste ich, aha, das kommt aus einer anderen Dimension und das stimmt. Das war der Kunstmaler Manfred Scharpf. Er war Kirchenrestaurator und für seine wunderbaren Bilder bekannt. Er beherrschte mittelalterliche Maltechniken, hat auch mit Natur-Materialen gemalt. Dabei entstanden so hyper-realistische Bilder. Er hat schöne Naturbilder gemalt, weil er da oben lebte in einem alten ehemaligen Benediktinerkloster. Es ist sehr alt, wurde 1188 erstmals urkundlich erwähnt. Von dort wollte er wegziehen.

FrohMUT: Und Sie sind dann dort eingezogen. Jetzt leben Sie also mitten in der Natur, ein mutiger Schritt. Das ist aber bestimmt auch sehr einsam?

Storl: Die nächsten Nachbarn wohnen drei Kilometer entfernt, das nächste Dorf ist vier Kilometer weit weg. Dort gibt es keine Lichtverschmutzung, da ist es nachts ruhig. Das ist selten in Deutschland. Dort liegt im Winter sehr viel Schnee, der Allgäu ist ein richtiges Schneeloch und ich kann für mich tiefe Inspirationen schaffen. Da ist es nicht so wie in der Stadt, wo der Gedankenfaden ständig unterbrochen wird. Das kann zwar unterhaltsam sein, aber man kommt nicht in die Tiefe. Ich bin meiner geistigen Führung sehr dankbar, dass sie mich dort hingebracht hat. In den ersten 10 Jahren war es sehr schwer. Wir waren natürlich dort unbekannt, hatten überhaupt kein Geld. Dank Wildkräutern haben wir überlebt. Zwei bis drei Mal im Monat bin ich mit einem rostigen alten Fahrrad ins Tal gestiegen und habe dann an den aller billigsten Orten das Allernötigste gekauft. Langsam fügten sich die Dinge. So etwas kann man nicht mit dem berechnenden Verstand planen. Da plant man immer viel zu klein und zu eng. Es gibt eine größere Weisheit, an der wir teilhaben dürfen.

FrohMUT: Die Natur ist unser Lehrer, das ist eine ihrer Thesen. Wir entfernen uns aber immer mehr von ihr. Nicht jeder kann inmitten der Natur wohnen. Wie kann der Normalbürger die Natur für sich wieder entdecken?

Storl: Es kommt auf die Einstellung an. Auch in der Stadt kann man sich Zeit nehmen und unter einem Baum stehen, diesen Baum spüren. Man kann auch mal barfuß gehen. Dann merkt man, wie lebendig die Erde ist und wie unterschiedlich es ist, auf Asphalt, Beton oder auf lebendigem Boden auf Rasen zu laufen. Man kann sich hinstellen und die Sonne spüren im Gesicht oder auf den Handflächen. Das sind alles Sachen, die man machen kann. Man kann auch durch die Stadt gehen und den Fokus auf die Pflanzen legen, die es auch dort gibt. Dass man sieht, welches Pflänzlein wächst da in den Ritzen oder was macht die Ameise da. Dann sieht man einen Käfer. Man weiß, dass die Natur eigentlich überall ist, es ist eine Sache der Einstellung, was man hereinlässt, wofür man sich öffnet.

FrohMUT: Wenn wir an Natur denken, dann haben wir auch Klimakatastrophen oder Umweltverschmutzung vor Augen. Wird uns durch solche von selbst angerichteten Ereignisse die Natur noch fremder?

Storl: Je weiter wir uns von der Natur oder wie die Indianer sagen vom Herzschlag der Mutter Erde entfernen, umso unsicherer werden wir, umso ängstlicher werden wir und neigen dann zu allen möglichen Hysterien.  Was z. B. das Klima betrifft, wir haben dazu kein vernünftiges Verhältnis. Es gibt sehr viele seriöse Wissenschaftler, die stellen dieses Dogma der von Menschen verursachten Klimakatastrophe wirklich infrage und das ist nicht ideologisch motiviert, sondern es ist wirklich infrage zu stellen. Wenn man die Berechnungen nimmt, die reichen vom 19. Jahrhundert bis jetzt. Das ist eine sehr kurze Zeitspanne. Wenn man das aber über Jahrtausende betrachtet, dann sieht man, dass das, was wir jetzt erleben, nichts Außergewöhnliches oder Unnatürliches ist. Eigentlich sind viele Fehler in diesem Dogma der Klimakatstrophe, z. B. das CO­2 Klimagift ist und die Katastrophe verursacht. Es ist gerade umgekehrt: Wenn die Erde sich erwärmt, dann gibt es mehr CO2 in der Luft, d. h., das meiste CO2 ist im Meer aufgelöst. Wenn das Meer sich erwärmt, dann ist es wie Sprudel, der in einem warmen Zimmer steht, es wird in die Atmosphäre gelassen. Das trifft auch für das von Menschen produzierte CO2 zu. Ich sage nicht, dass wir damit weiter so sorglos und verschwenderisch umgehen sollten. Ich bin überhaupt kein Freund der Konsumgesellschaft, aber es ist trotzdem so, dass die fossile Energien, die die Menschen freisetzen, etwa ein Zehntel von dem ausmachen, was Insekten z. B. freisetzen. Das gilt auch etwa für Vulkane, die ja CO2 massenweise freisetzen. Das nehmen die Pflanzen auf. Es gibt eine Homöostasis: Je mehr CO2 vorliegt, umso schneller und freudiger wachsen die Pflanzen. Das sieht man ja an Gewächshäusern. Da wird absichtlich der CO2 Gehalt auf das Doppelte erhöht, wodurch die Pflanzen gut wachsen. In diesem Bereich haben wir eine Hysterie und die kann man auch begründen. Das ist eine gute Ausrede, den gesättigten Automarkt zu sanieren, das hat man hier gemacht. In Amerika gibt es das auch, Cash for Clonkers hieß das. Oder diese Emissionsrechte, das ist sehr clever, da kann man endlich dann Luft verkaufen. Die Indianer haben sich früher schon gefragt, wie kann man Land verkaufen und dann, wie kann man Wasser verkaufen. Dann diese ganze Umweltbürokratie, das Umrüsten der Häuser, das ist in einer Zeit mit einer turbulenten Wirtschaft so eine Art Heilmittel.

FrohMUT: Heilmittel werden eigentlich gebraucht, um Krankheiten zu behandeln. Bei der Borreliose, die klassisch mit Antibiotika behandelt wird, haben Sie sehr erfolgreich eine Pflanze, die Karde, eingesetzt und damit für große Aufregung gesorgt. Was haben sie getan?

Storl: Ich habe selber Borreliose gehabt, war sehr schwer erkrankt. Ich konnte kaum Treppen steigen, Borreliose geht ja in die Glieder. Dazu hatte ich Probleme mit dem Kurzzeitgedächtnis und hatte keine Energie. Da ich eine Antibiotika Intoleranz habe, suchte ich nach Alternativen. Als Ethnologe habe ich Zugang zu den ethnomedizinischen Traditionen. Letztlich wurde ich fündig in der chinesischen Medizin, die benutzt die Karde für einen ganzen Symptomkreis, der ziemlich gut die Borreliose beschreibt. Borrelien sind Spirochäten, die so nahe an der Syphilis sind, dass sie mikroskopisch und serologisch nicht unterscheidbar sind. Die Wirkung ist auch sehr ähnlich, sodass die Homöopathen von einer Neuauflage der Syphilis sprechen, die ja durch Antibiotika unterdrückt wurde. Die Syphilis wurde von mittelamerikanischen und karibischen Indianern erfolgreich behandelt mit Schwitzhütten und einem blutreinigenden Phytotherapeutikum, das bestand aus Guaiacum und Sarsaparille. Der Leibarzt Kaiser Karls V. [1500 – 1558, Anmerkung FrohMUT] hat von über 3000 Syphilitikern berichtet, das waren reiche junge Leute, die in die Neue Welt gingen und von den Indianern geheilt wurden und zwar mit Schwitzhütte und diesem pflanzlichen Präparat. Durch einen amerikanischen Homöopath kam ich drauf eine Tinktur zu machen. Inzwischen habe ich von einer bayrischen Kräuterfrau gelernt, die sehr erfolgreich heilt, dass der Tee genau so gut ist oder das Pulver. Wenn man das mit einer Überhitzungstherapie kombinieren kann, insofern kein Herzfehler vorliegt oder Ähnliches, dann hat man eine sehr, sehr gute Chance, dass man Erfolg hat.

FrohMUT: Sie legen sich da mit der mächtigen Pharmaindustrie an, die muss jetzt um den Absatz ihrer Antibiotika bangen.

Storl: Das könnte sein. Aber ich will mich nicht anlegen mit irgendjemandem, ich bin auf keinem Feldzug. Ich teile nur mit, was ich erfahren habe und teile nur mit, dass ich dieses Vertrauen in die Natur habe. Denn die Natur ist unser Zuhause und wir sind nicht getrennt. Es ist nicht wie bei Carl Djerassi, der viele Insektizide erfunden hat und die Antibabypille, der sagt: „Er kann nicht verstehen, wie Leute meinen können, dass die Natur per se gut ist. Natur ist doch das Gefährlichste, was es überhaupt gibt und unsere einzige Chance ist es, die Natur unter absolute Kontrolle zu bringen.“ Für mich ist das ein absoluter Irrweg, es ist zwanghaft, kein liebevolles Verhältnis. Damit will ich nichts zu tun haben.
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